Kliniken & Fachärzte

2 Kliniken und Fachärzte Immuntherapien gegen Krebs sind auf dem Vormarsch Die neuen Verfahren helfen nicht allen Patienten – aber wenn, sind sie sehr effektiv Das Immunsystem ist unsere Wunder- waffe. Jeden Tag bekämpft es schädli- che Eindringlinge im Körper und ver- nichtet kranke Zellen. Auch Krebszel- len! Moderne Immuntherapien wollen die körpereigenen Abwehrtruppen beim Kampf gegen die Krankheit un- terstützen. Krebszellen entstehen während der ständigen Zellteilung auch im Körper gesunder Menschen immer wieder. Im Normalfall erkennt das Immunsystem diese Gefahr und eliminiert die bösarti- gen Zellen, bevor eine Krankheit entste- hen kann. Leider haben Krebszellen di- verse Tricks entwickelt, um der Aufmerk- samkeit der Immunzellen zu entgehen: Sie können sich für die Abwehrzellen unsichtbar machen oder tarnen und so ungehindert durch den Körper wandern. Außerdem können sie gezielt die Im- munzellen in ihrer Umgebung abschal- ten. Krebszellen sind ziemlich genial. Die Mediziner nehmen die Herausforde- rung an und versuchen, noch schlauer zu sein. Die Idee, das Immunsystem zur Bekämp- fung von Krebs einzusetzen, gibt es seit vielen Jahren, sagt Dr. Susanne Weg-Re- mers, Leiterin des Krebsinformations- dienstes (KID) des Deutschen Krebsfor- schungszentrums. Weil aber Krebszellen körpereigene, mutierte Zellen sind, ist es für die Körperpolizei nicht so einfach, die Krebszellen als „fremd“ oder „ge- fährlich“ zu erkennen. Und mit steigen- dem Alter des Menschen wächst die Zahl der veränderten Zellen, die sich zu ei- nem Krebs entwickeln können. Die Blockade brechen: Immun-Checkpoint-Inhibitoren Unter dem Sammelbegriff „Immunthera- pie“ vereinen sich nun Behandlungsme- thoden, die das Immunsystem aktivie- ren sollen. Laut Weg-Remers ist die er- folgreichste Methode bislang die Ver- wendung von „Immun-Checkpoint-Inhi- bitoren“ (ICI): „Da hat sich einiges ge- tan in den letzten Jahren.“ Vor allem bei Patienten mit schwarzem Hautkrebs, nicht-kleinzelligem Lungenkrebs und Nierenzellkarzinomen kann die Methode sehr gut helfen – muss aber nicht. Nicht alle Patienten sprechen auf die Therapie an, „wenn sie aber ansprechen, hält der Erfolg oft lange an“, so Weg-Re- mers. Wo Standard-Therapien Wochen oder Monate Lebenserwartung brachten, schaffen es die ICI auf Jahre. „Auch fortgeschrittene Erkrankungen mit Fern- metastasen können damit in Schach ge- halten werden“, sagt die Medizinerin. Die Tumorzellen der mit ICI behandelba- ren Krebsarten sind in der Lage, die Im- munabwehr auszuschalten, indem sie bestimmte Proteine bilden, die als Im- munsystem-Bremse wirken. „Der Tumor blockiert die Immunzellen. Sie können nicht rein und sterben den Erschöp- fungstod“, erklärt Prof. Dr. Mathias Hei- kenwälder, Leiter der Abteilung chroni- sche Entzündungen und Krebs im Deut- schen Krebsforschungszentrum (dkfz). klinikums Münster wollen Grip- peviren aber nun bei Patienten mit Lungentumoren einsetzen. Die Viren sollen mit ihrer zerstö- rerischen Kraft die Krebszellen vernichten. „Mit Hilfe gentech- nischer Methoden verändern wir Grippeviren so, dass sie in der Lage sind, Tumorzellen bei Pa- tienten mit einem nicht-klein- zelligen Lungenkarzinom (NKLK) anzugreifen und zu zer- stören“, erklärt Professor Dr. Stephan Ludwig vom Institut für Molekulare Virologie des Univer- sitätsklinikums Münster den Kern seiner Forschung. „NKLK- Patienten haben bisher nur sehr geringe Heilungschancen, denn diese Krebsart metastasiert sehr häufig und die gängigen Thera- pieoptionen wie Chemotherapie und Bestrahlung sind oft wir- kungslos.“ Ohne Hilfe kann sich das Im- munsystem gegen das nicht- kleinzellige Lungenkarzinom nicht wehren, denn der Tumor manipuliert laut der Deutschen Krebshilfe die Abwehrzellen so, dass sie ihn nicht angreifen können. Sind die Tumorzellen aber mit dem Grippevirus infi- ziert, erkennen die körpereige- nen Abwehrzellen sie wieder als Feind und bekämpfen sie vehe- ment. Ziel des Forschungsprojekts in Münster ist es, eine wirksame Waffe ge- gen eine Krebsart zu entwickeln, „die sich nicht mit konventionellen Mitteln besiegen lässt“, so Ludwig. Kostenübernahme meist Einzelfallentscheidung Die meisten der immuntherapeutischen Behandlungen sind noch in der Studien- phase und daher projektfinanziert. Die Krankenkassen zahlen etwa die Therapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren, wenn das Verfahren für diese Krebsart zugelassen wurde. Kosten für neue Im- muntherapien können unter Umständen auch dann von den Kassen übernommen werden, wenn alle anderen Therapieop- tionen ausgeschöpft wurden. „Das ist immer eine Einzelfallentscheidung“, sagt Weg-Remers. Sie glaubt aber, dass die „Therapie-Li- nie“ der Immunbehandlungen gegen Krebs sich immer weiter durchsetzen wird. In jedem Fall ist auf diesem For- schungsfeld jede Menge Bewegung. Pa- tienten und Angehörige, die sich über die neuen Methoden informieren möch- ten, können dies unter anderem beim Krebsinformationsdienst oder der Deut- schen Krebshilfe kostenlos tun. Ulrike Kühne i Krebsinformationsdienst: Tel. 0800/4203040, www. krebsinformationsdienst.de. Deutsche Krebshilfe: Tel. 0800/80708877, www.krebshilfe.de . len aus dem Blut des Patienten „und statten diese mit künstlichen Sensoren aus, die in der Lage sind, Krebszellen aufzuspüren“. Nach dem Sensor, dem „Chimeric Antigen Rezeptor“ (CAR), ist die Therapie benannt. Er erkennt trotz Tarnung der Krebszelle bestimmte Mole- küle auf deren Oberfläche. Da aber nicht alle Krebszellen jedes Patienten diese Moleküle besitzen, schlägt die Therapie bislang nicht bei allen Betroffenen an. Das wollen die Erlanger Forscher jetzt ändern, indem sie die CAR-T-Zellen auf ein weiteres Molekül spezialisieren, dass sich häufig auf der Oberfläche der Krebszellen befindet. So sollen mehr Pa- tienten von der Therapie profitieren. Laut Weg-Remers haben die extrem teu- ren CAR-Therapien einen Haken: Das Im- munsystem zerstört in kürzester Zeit die Krebszellen und stürzt sich in seinem Übereifer dann oft auch auf gesunde Zellen. Das ruft starke Nebenwirkungen hervor. Daher sei die Wissenschaft gera- de dabei, einen „Schalter“ zu suchen, mit dem sich die Immunreaktion an- und abschalten ließe. In Deutschland liefen dazu Studien bei Leukämie. Grippeviren im Einsatz gegen Lungenkrebs Viren sind normalerweise die Bösen. Sie dringen in Körper ein, befallen eine Wirtszelle und vermehren sich in ihr so lange, bis sie die Zelle zerstört haben – und die benachbarten Zellen angreifen können. Wenn Viren dieses Spiel im ge- sunden Menschen treiben, macht das krank. Wissenschaftler des Universitäts- weiße geimpft. In anderen Studien wer- den kleine Abschnitte des Erbguts aus Tumorzellen verwendet, die man zum Beispiel Patienten mit schwarzem Haut- krebs spritzt. Allen Krebs-Impfungen gemeinsam ist, dass sie das Immunsys- tem in die Lage versetzen sollen, den Tumor als solchen zu erkennen und zu bekämpfen. Bei der sogenannten adoptiven Immun- therapie dagegen werden dem Patienten Abwehrzellen (zum Beispiel T-Zellen) entnommen, die bereits in der Lage sind, Krebszellen zu erkennen – aber vielleicht nicht zahlreich genug sind, um den Krebs wirksam zu bekämpfen. Außerhalb des Körpers werden diese Zel- len vermehrt und dann wieder einge- impft. Eine starke Nachhut an der Tu- morfront. Ein künstlicher Sensor entlarvt Blutkrebszellen Viel Aufsehen erregt seit einiger Zeit in den USA eine Immuntherapie mit CAR- T-Zellen. Bei der Akuten Lymphatischen Leukämie ist die Zellteilung gestört, wo- durch funktionsuntüchtige weiße Blut- körperchen sich stark vermehren und die gesunden Blutzellen verdrängen, erklärt Christina Tschoepe von der Deutschen Krebshilfe. Die defekten Zellen verän- dern ihre Oberfläche so, dass das Im- munsystem sie nicht mehr als Gefahr er- kennt. Auch Forscher der Universität Er- langen nutzen CAR-T-Zellen, um die Im- munabwehr betroffener Patienten wie- der zu aktivieren. Sie isolieren laut Tschoepe Abwehrzel- Neue Antikörper-Wirkstoffe, wie das seit knapp einem Jahr zugelassene Atezoli- zumab, schalten die „Bremse“ oder „Blockade“ wieder aus. So kann der Tu- mor die für das Immunsystem arbeiten- den T-Killerzellen nicht mehr daran hin- dern, ihn zu zerstören. Bei manchen Patienten funktioniert das sehr gut, bei anderen gar nicht. Laut Weg-Remers wird aktuell untersucht, warum diese unterschiedliche Effektivi- tät auftritt. Weitere Forschungsarbeiten haben zum Ziel, die Nebenwirkungen der neuen Therapie zu verbessern. Bei 15 bis 30 Prozent der Patienten tre- ten laut Weg-Remers „schwerwiegende, unerwünschte Ereignisse“ auf. Trotzdem entscheiden sich die meisten Patienten für die Therapie, da die Alternative sei: „Man stirbt an Krebs.“ Besser als die Ne- benwirkungen der Chemotherapie seien die der Immuntherapie nicht. „Das ist subjektiv, ob man Übelkeit und Haaraus- fall (Chemotherapie) oder Hautaus- schlag und Fieber (ICI) belastender fin- det.“ Auch Lunge, Darm und Leber kön- nen sich durch die Immuntherapie leicht entzünden, aufgrund der „überschie- ßenden Reaktion des Immunsystems“. Impfungen gegen Hirntumore und Hautkrebs Eine weitere, erfolgversprechende Art der Immuntherapie, die aktuell in klini- schen Studien erprobt wird, sind soge- nannte Krebs-Impfungen. Beispielswei- se bei Patienten mit bestimmten Ge- hirntumoren, etwa malignen Gliomen, werden laut Weg-Remers tumoreigne Ei- Neue Medikamente sollen dem Immunsystem helfen, die Krebszellen k.o. zu schlagen. Symbolbild: ccvision EXKLUSIVE ZEIT FÜR GESCHWISTERKINDER Ist ein Kind chronisch krank, müs- sen die Geschwister viel wegste- cken. Ihnen hilft es, Zeit ganz al- lein mit den Eltern zu verbringen. Das gibt Familientherapeutin Sonja Richter in der Patientenzeitschrift der Deutschen Herzstiftung zu be- denken. Beim Kuscheln, Spielen oder auf einem gemeinsamen Aus- flug entstünden vertrauensvolle Ge- spräche. So erfahren die Eltern bes- tenfalls auch, was in den Geschwis- terkindern vorgeht. Häufig sind die Kinder wütend: Ihre Wut richtet sich aber meist nicht auf Eltern oder das kranke Ge- schwisterkind, sondern gegen die als ausweglos erscheinende Situati- on, erklärt die Expertin. Rituale könnten helfen, diese Wut zu kana- lisieren. Als Beispiel schlägt sie vor, „Frust-Steine“ in einen Bach zu werfen. -dpa/tmn- Ehe schützt das Herz Wissenschaftler fanden heraus: Verheiratete leben gesünder Wer verheiratet ist, scheint besser vor Herzerkrankungen und Schlaganfällen geschützt zu sein. Das legt eine Studie der Keele Universität in Großbritannien in Zusammenarbeit mit der Macquarie Universität in Sydney/Australien nahe. Nach Meinung der Wissenschaftler wäre es aufgrund dieser Erkenntnisse sinn- voll, den Familienstand als eigenen Ri- sikofaktor für Herzkrankheiten und Schlaganfälle zu berücksichtigen. Bisher war es wissenschaftlich unklar, welchen Einfluss der Familienstand nimmt. Die Forscher untersuchten 34 Studien und betrachteten dabei die Da- ten von mehr als zwei Millionen Men- schen im Alter von 42 bis 67 Jahren in Europa, Skandinavien, Nordamerika, dem Mittleren Osten und Asien. Die Analyse ergab, dass die Unverheira- teten – ob nie verheiratetet, geschieden oder verwitwet – ein höheres Risiko für die Erkrankung des Herz-Kreislauf-Sys- Einfluss auf die Gesundheit hat oder ob damit vielleicht nur eine gesündere Le- bensweise einhergeht. -dpa- tems und der Herzgefäße haben als Ver- heiratete. Weitere Studien sollen klären, ob es der Familienstand selbst ist, der Geht man Hand in Hand durchs Leben, schützt dies vor Krankheiten. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa KLINIKEN & FACHÄRZTE Verlagsbeilage der Mediengruppe Straubinger Tagblatt /Landshuter Zeitung und der Abendzeitung München am Freitag, 31. August 2018 Auflage: 167.505 Exemplare (IVW I/2018) Redaktion: Gertraud Wittmann, Ulrike Kühne Titelbild: © W. Heiber Fotostudio – stock.adobe.com Anzeigen: Verkaufsteams der Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung und der Abendzeitung München Anzeigenmarketing: Carola Meier, Margot Schmid Verlags- und Anzeigenleitung: Klaus Huber Druck: Cl. Attenkofer’sche Buch- und Kunstdruckerei, Verlag des Straubinger Tagblatts IMPRESSUM

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