Berufsstart 2022

6 Quereinsteiger: Der Weg in einen neuen Beruf In welchen Branchen sie gefragt sind und was man dabei beachten muss Wer ohne Erfahrung in eine neue Branche wechselt, wird gemeinhin als Quereinsteiger bezeichnet. Ganz unerheblich sind bisherige Kompetenzen und Fähigkeiten aber nicht. Wo sind Quereinsteiger wirklich gefragt? Den typischen Quereinsteiger oder die typische Quereinsteigerin gibt es allerdings gar nicht. Die Gründe für den Schritt sind so vielfältig, wie die Menschen, die den Neustart in Angriff nehmen. Vielleicht hat sich während der Ausbildung herausgestellt, dass die Tätigkeit doch nicht den Vorstellungen entspricht. Vielleicht werden in der bisherigen Branche immer mehr Arbeitsplätze abgebaut und man ist auf der Suche nach mehr Sicherheit. Oder man sehnt sich nach vielen Jahren im Job nach einer neuen Herausforderung. Doch nicht jede Branche eignet sich gleich gut für den Quereinstieg. „Die Gründe liegen vor allem in den Zugangsvoraussetzungen“, sagt Enzo Weber, der am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) unter anderem untersucht, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt. Je strenger die Voraussetzungen, umso höher die Schwelle: Physiotherapeut etwa darf sich nur nennen, wer einen entsprechenden Abschluss vorweisen kann, Gleiches gilt für Ingenieurinnen. Weber beobachtet aber: „Wenn es in einer Branche einen Fachkräftemangel gibt, verschiebt sich einiges.“ Einstiegshürden werden abgesenkt, Umschulungen oder neue Ausbildungswege entwickelt. Eine Ausbildung in der Pflege zum Beispiel kann mittlerweile auch in Teilzeit absolviert werden, als Angebot an Eltern, die wegen der Kinder nicht den ganzen Tag arbeiten können. Für den Einstieg als Erzieher gibt es in mehreren Bundesländern Programme, die von Anfang an einen Einsatz in der Kita vorsehen und bei denen im Unterschied zur sonst üblichen Ausbildung in einer Fachakademie eine Vergütung gezahlt wird. Was beim Wechsel in die IT-Branche wichtig ist Viele Jobs mit vergleichsweise wenig formalen Voraussetzungen und gleichzeitig einem großen Bedarf an Fachkräften gibt es in der IT-Branche. „Quereinsteiger sind in den Unternehmen gern gesehen“, sagt Daniel Breitinger vom Branchenverband Bitkom. Und was ist mit dem erforderlichen Fachwissen? Viele Firmen bilden intern aus, sagt Breitinger: „Es gibt nicht genug Fachkräfte, die vom Markt kommen, deshalb müssen die Unternehmen das selbst in die Hand nehmen.“ Wer unsicher ist, ob ihm IT-Themen überhaupt liegen, bekomme in Coding Schools und Bootcamps einen guten ersten Eindruck. Dort werden schnell und intensiv etwa Grundkenntnisse der Programmierung vermittelt. „Sie bieten sich zum Antesten an, bevor man den bisherigen Job tatsächlich aufgibt“, sagt Breitinger. Ohnehin dürfe man die Branche nicht aufs Programmieren reduzieren: „Viele Themenfelder entstehen gerade erst, Big Data oder Künstliche Intelligenz zum Beispiel, und damit auch neue Jobs und Jobprofile.“ Quereinsteiger auch bei Lehrern gefragt Das Gegenteil einer für Quereinsteiger offenen Branche war lange das Lehramt. Der Berufszugang war klar geregelt: Nur wer Studium und Referendariat samt zwei Staatsexamen erfolgreich absolviert hatte, durfte unterrichten. Das hat sich geändert, seit in bestimmten Fächern und in bestimmten Schulformen die Lehrer knapp werden. Seitdem wechseln auch diplomierte Physiker vom Labor ins Klassenzimmer oder die Anglistin bringt Grundschülern die ersten Vokabeln bei. Den Weg in die Schule regelt jedes Bundesland eigens. Sowohl die Zulassungsvoraussetzungen als auch die Ausbildung unterscheiden sich deutlich. Deshalb sollte man sich vorab beim jeweiligen Kultusministerium informieren. Eva Dignös Wegen des Lehrkräftemangels gibt es auch dort immer mehr Quereinsteiger. Foto: Julian Stratenschulte/dpa-tmn Die Hürden für Quereinsteiger unterscheiden sich je nach Branche. Foto: Christin Klose/dpa-tmn 7 „Handwerker können sich selber helfen“ Justin Laszczak hat sich für den Beruf des Parkettlegers entschieden Fischgrät, Würfelmuster, englischer Verband – damit der Parkettboden einen Raum optisch perfekt aufwertet, braucht es das richtige Verlegemuster und Experten, die den Boden sauber verlegen. Parkettleger brauchen Kraft, mathematisches Verständnis und kreatives Denken. Justin Laszczak (21) ist Parkettleger bei der Firma Raumausstatter Keyser in Straubing. Heute war er in Regensburg. Seine Baustelle: ein kernsanierter Altbau. Er hat dort neuen Parkett verlegt. Das bedeutet, Höhen anpassen, aufspachteln, Parkett aufkleben. „Mein Tag war schön“, sagt er. „Angenehm.“ Die Lehrzeit beträgt drei Jahre Die drei Lehrjahre hat Justin Laszczak bereits hinter sich. Er besucht schon die Meisterschule. Die Entscheidung für den Beruf hat er nicht bereut. Schon als Kind hat ihn sein Vater, der früher selbst als Parkettleger gearbeitet hat, mitwerkeln lassen. Nach der Schule ging es ihm wie vielen Absolventen: Was soll ich machen? Welcher Beruf wär was für mich. Also musste ein Praktikum her. „Ich habe echt viele Praktika gemacht. Elektriker und so weiter“, sagt Justin Laszczak. „Ich kann nur jedem empfehlen, dass er ein paar Tage irgendwo reinschnuppert. Sonst steht man in der Ausbildung da und stellt nach zwei Wochen fest, dass die Arbeit einem nicht gefällt.“ Dass Azubis hinschmeißen, hat auch er schon erlebt, denn die Arbeit als Parkettleger ist körperlich anstrengend. Wird eine neue Baustelle eingerichtet, müssen Maschinen, Werkzeug und Baumaterialien mehrere Stockwerke nach oben geschleppt werden. Unebenheiten auf dem Untergrund ausbessern, Kleber aufspachteln und ausbringen, Holzteile zusammenklopfen, viele Tätigkeiten werden auf den Knien erledigt. „Ich hatte am Anfang auch Muskelkater und war am nächsten Tag müde. Das vergeht“, sagt er. Zu Beginn der Ausbildung sei man die körperliche Arbeit halt einfach nicht gewohnt. Doch schon nach kurzer Zeit, sei es ein Selbstläufer und man selbst körperlich fit. Kleben, schleifen, spachteln Die Handwerksausbildung zum Parkettleger dauert drei Jahre und findet im Ausbildungsbetrieb und an der Berufsschule statt. Gefragt sind Fähigkeiten wie räumliches Vorstellungsvermögen, handwerkliches Geschick, mathematisches Verständnis und ein freundlicher Umgang mit der Kundschaft. Empfohlen wird ein Hauptschulabschluss. Die wesentlichen Ausbildungsinhalte sind Vorbereiten des Untergrundes, zuschneiden und verlegen von Parkett-, Laminat-, Vinyl- und Teppichböden, schleifen, spachteln und restaurieren von Altparkett sowie die Oberflächenbehandlung. Im ersten Lehrjahr sei man oft Helfer, sagt Justin Laszczak. Da brauche man immer jemanden, der zuschaut und erklärt. Nach dem Maschinenkurs im zweiten Lehrjahr dürfe man aber dann richtig an die Maschinen. „Im zweiten Lehrjahr war ich auch schon manchmal alleine auf der Baustelle“, erzählt er. „Und im dritten sollte man schon ziemlich selbstständig arbeiten.“ Als Handwerker kann man sich helfen Die Bundesagentur für Arbeit gibt für die Ausbildung im Parkettund Bodenlegerhandwerk einen monatlichen Bruttoverdienst von 630 Euro im ersten, 680 Euro im zweiten und 750 Euro im dritten Lehrjahr an. Das sei augenscheinlich nicht viel, sagt Justin Laszczak. Gerade wenn man von Freunden höre, was die schon im ersten Jahr in einem Büro verdienen. „Man muss halt weiterdenken.“ Wer ein Handwerk lernt, könne mit Werkzeug umgehen und vieles selber machen. „Es gibt Leute, die rufen einen Handwerker, um ein Bild aufzuhängen. Wenn du selber einer bist, bist du auf keinen angewiesen“, sagt Justin Laszczak. Kreative Ideen sind gefragt Dabei ist die Arbeit auf der Baustelle kein stupides Vor-sich-Hinarbeiten. Auch kreative Ideen sind gefragt, wenn beispielsweise die Balkon- oder Fliesenanschlüsse nicht bündig sind. „Wenn ich da aufspachtle, hab ich einen Keil im Flur. Das sollte nicht sein“, sagt er. Eine Leiste, eine saubere Abrundung – „jeden Tag hast du irgendeine Kleinigkeit, bei der du schauen musst, wie du sie am besten lösen kannst.“ Das schönste an der Arbeit als Parkettleger sei für Justin Laszczak aber immer das Vorher-Nachher-Erlebnis: „Wenn ich sehe, ok, es ist was weitergegangen auf der Baustelle. Wenn alles passt und die Kunden zufrieden sind.“ Marina Jung Kleber aufbringen sieht einfach aus, will aber gelernt sein. Parkettleger verbringen einen Großteil ihrer Arbeit auf den Knien. Foto: Alaadeen Sonuno Justin Laszczak, ausgebildeter Parkettleger, und besucht schon die Meisterschule. Alternativ kann man auch die Weiterbildung zum Techniker machen. Foto: Marina Jung

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